warum Nichtstun so schwierig ist!


Ein buddhistischer Witz (aus: „Der Elefant, der das Glück vergaß“, Ajahn Brahm)

Ein buddhistischer Mönch erhielt den Anruf eines Laienmitglieds seines Tempels. “Ob sie wohl heute bitte zu mir nach Hause kommen könnten, um eine Segnung durchzuführen?“, fragte der Anrufer. „Tut mir leid“, antwortete der Mönch, aber das geht nicht, ich habe zu tun.„Was denn?“, wollte der Mensch am anderen Ende der Leitung wissen. „Nichts“, antwortete der Mönch, denn das ist es, was Mönche tun sollten. „Na gut“, sagte der Anrufer und legte auf. Am nächsten Tagmeldete er sich wieder. „Ob Sie wohl heute bitte zu mir nach Hause kommen könnten, um eine Segnung durchzuführen?“ „Tut mir leid“, antwortete der Mönch, aber das geht nicht, ich habe zu tun. „Was denn? “erkundigte sich der Anrufer. „Nichts“, sagte der Mönch. „Aber das haben sie doch gestern schon getan!“ beschwerte sich der Mann am Telefon. „Stimmt“, räumte der Mönch ein, „aber ich bin noch nicht fertig damit.“

 

So wie dem Anrufer geht es wohl vielen von uns dieser Tage. Unvorstellbar dieses Gefühl, dass es irgendwie „nichts“ zu tun gibt bzw., dass man sich diesem „Nichtstun“ tatsächlich hingeben, ihm Priorität einräumen kann.

„Yoga citta vrittinirodha, Yoga ist das zur Ruhe bringen der Gedanken im Geist, so wird es schon in den Sutras des Gelehrten Patanjali um ca. 400 n.C. beschrieben, dieses große Ziel, unseren umtriebigen Geist zur Ruhe zu bringen und Yoga als möglicher Wegdahin. Damals wie heutegilt: Unser Gedankenkarussell dreht sich schnell, häufig zu schnell, und wenn wir es nicht schaffen, hin und wieder auszusteigen und ein auf Dauererträgliches Tempo zu finden, geht es uns schnell nicht mehr gut… Unsere Zeit scheint zudem besonders viele Reize und immer neue und mehr Ablenkungsmöglichkeiten zu bieten, ständig gibt es irgendetwas vermeintlich GANZ wichtiges zu tun und zu erledigen und wir haben Angst, wir könnten etwas VERPASSEN. Statt hin und wieder in die Stille zu gehen und den Geist oder unseren „Monkey Mind“ zu beruhigen scheint es, dass wir immer mehr Unruhe im Außen suchen, so dass sich das Tempo und die Unruhe in unserem Alltag den Bewegungen und der Geschwindigkeit unseres Geistes anpasst. Und jetzt? Fühlt es sich für viele so an, dass wir zum Nichtstun "verurteilt" sind. Natürlich gibt es immer noch viel zu tun, Haushalt, Garten, Mahlzeiten, Hygiene, Kinder, Homeoffice, aber dann? Wie gehen wir mit dem Wegfallen von Ablenkung um, mit der Stille, die jetzt fast greifbar ist, wenn wir rausgehen? Es fallen viele Termine und gewohnte Abläufe oder Rahmenbedingungen weg und auch das macht uns, neben der ohnehin bestehenden Verunsicherung, zusätzlich unsicher. Im Yoga üben wir immer wieder, abzuwechseln zwischen Aktivität und Stille. In der Asana-Praxissetzen wir unter anderem auf das Prinzip der Ablenkung. Wir fordern unsere Kraft, unseren Körper und geben damit „den Affen Zucker“, d.h. wir zwingen unseren Geist, sich auf etwas zu konzentrieren, das aber diesmal nicht im Außenliegt, sondern in uns selbst. Der Geist beschäftigt sich zunächst einmal mit unserer Bewegung, unserem Atem, der eigenen Balance, unserem eigenen Erleben in den Bewegungen. Zwischendurch und vor allem am Ende der Stunde üben wir immer wieder, nachzuspüren, das Nichtstun auszuhalten, den Blick nach innen zurichten. „Es gibt nichts zu tun, nichts zu verändern in diesem Moment“, sage ich oft in der liegenden Entspannungsposition. Und für viele ist das am schwierigsten. Das für einen Moment auszuhalten und mit dem eigenen Körper und Geist allein zu sein. Ich wünsche mir sehr,dass wir alle diese Zeit nutzen, um zu üben, einfach mal „nichts“ zu tun. Dass wir es trotz der Schwierigkeit der Situation auch als Geschenk annehmen können, dass viele Termine weggefallen sind und wir in vielen Bereichen nicht befürchten müssen, etwas zu verpassen. Und versuchen, den Wegfall von Terminen und Möglichkeiten der Zerstreuung als Einladung sehen, den Blick nach innen zurichten. Uns Zeit nehmen, einfach mal zu beobachten, z.B. unseren Atem, vielleicht unsere Kinder, die Natur, ganz bewusst, ohne das Gefühl, etwas verändern zu müssen...

Wenn wir uns - hoffentlich in nicht allzulanger Zeit - wiedersehen oder Ihr uns schreibt, sind wir sehr gespannt, zuhören, wie es Euch mit dieser Zwangsentschleunigung ergangen ist. Bis dahin von Herzen alles Gute und Namasté

Deine Jenny
Egelsbach, 25. März 2020